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Für den gemächlichen Fluss der Zeit in der Vergangenheit steht stellvertretend die dahingleitende Piroge, die sanfte Spuren auf dem Wasser zeiht. In jeder zurückliegenden Zeit waren die unzähligen Wasserläufe der einzige Zugang zum Innern des Landes. Der moderne Zeitablauf wird dagegen symbolisiert durch die weißen Kondensstreifen der Flugzeuge, die den Weg ins Landesinnere weisen und die Pirogen aus ihrer Stellung als beherrschendem Verkehrsmittel verdrängen. In Gabun ergab sich die erste Veränderung aus dem Einsatz des Flugzeugs im Binnenlinienverkehr. Die menschlichen Beziehungen und das Gefühl für Entfernungen wurden somit grundlegend gewandelt. Die zweite Welle der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderung wurde ausgelöst durch die Erschließung der reichen Erdölvorkommen. Das Land hatte das große Los in der Weltlotterie gezogen. Mit einem Schlag konnte man ernsthaft daran denken, an Entwicklungspläne heranzugehen. So hat zwar die Verwestlichung des Lebensrahmens mit Gewissheit zur Zerstörung vieler Bräuche beigetragen. Aber der Aufschwung des Erziehungswesens führte anderseits dazu, dass man sich über den Stellenwert des kulturellen Erbes und der moralischen Werte im Leben Gabuns wieder klar wurde. Zunächst schien die Tradition zum Tode verurteilt, jetzt widersteht sie erfolgreich einer Einverleibung durch den modernen Lebensstil. In einigen Flussstädten ließ bei aufkommenden Flugverkehr das bunte Markttreiben zeitweilig nach, doch dank der Transgabunbahn, welche dem Lauf des Ogowé, dem eigentlichen Rückgrat des Landes, folgt, erfüllen die Städte mit neuem Leben. Die Wende jedoch wird von den Verantwortlichen des Fremdenverkehrs eingeleitet, die begriffen haben, welche Suggestivkraft die Pirogen auf das europäische Gemüt ausüben, das sich nur zu bereitwillig Träumen von Urwald, schäumenden Stromschnellen, rhythmischem Gesang der Männer und exotischem Stimmengewirr hingibt. Es ist ein Weg zurück zur Natur, den wir Europäer schon so lange vermisst haben in die wir uns seit den Abenteuerbüchern unserer Kindheit wie in ein verlorenes Paradies zurück sehnen. Vom Flugzeug aus kann man Gabun mit einem Petersilienbeet vergleichen. Rund 200‘000 km2 von 267‘000 km2 sind von Wald bedeckt. Der Vergleich stimmt, wenn man diesen dunkelgrünen Pflanzenteppich überfliegt, der durch dicht gedrängte Baumkuppen sein Relief erhält. Sobald man aber die roten Linie einer Piste oder eines sich blau oder grün schlängelnden Flusses sieht, nimmt man wahren Ausmaße dieser 40, oft aber auch bis zu 70 Meter hohen Bäume sieht. Zumal der Himmel wie so oft sich mit großartigen stahlgrauen Wolken überzieht, die Regenfälle ankündigen. Nähert man sich aber wieder dem Boden, löst sich dieses Einerlei wieder auf. Reisende, welche mit dem Auto die Teils schwierigen Pisten durchfahren, erkennen im Urwald seine phantasievolle Vielfalt. Der Urwald ist ein dichtes Geflecht, ein nebeneinander und Übereinander unterschiedlicher Baumarten, die in unzähligen, immer neuen Zusammenstellungen auftreten.
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Gabun ist eines der am dünn besiedelten Länder Afrikas. Die Nordregion Woleu N’Tem ist der dichtest bevölkerte Teil des Landes, ihm folgen der Küstensaum. Die zentralen Bereiche dieser Regionen sind jedoch fast menschenleer und dies wegen des sumpfigen Bodens oder des besonders undurchdringlichen Urwaldes. In Gabun selber gibt es 43 Dialekte, die aber untereinander Ähnlichkeiten haben. Einige Stämme verbindet die Rasse, andere wiederum die geographische Herkunft. Dort, wo der Urwald am undurchdringlichsten ist, siedeln die Pygmäen. Es handelt sich dabei wohl um die letzten Abkommen eines sehr großen Volkes, denn in allem angrenzenden Ländern finden sich versprenge Reste von ihnen. Man setzt sie in Verbindung mit den sagenumwobenen kleinen Männern, die Jäger und Waldbewohner waren wie sie, von denen in vielen Kulturen der afrikanischen Westküste die Rede ist. Für die verschiedenen Stämme gibt es eine Vielfalt von Namen: Akowa, Baka, Bekui, Bakongo, Babinga, Baimba, … Man findet eine Einteilung in acht bis neun Stämme, von denen keiner mit der Herkunft des anderen zu tun hat.
Im Norden und Nordosten des Landes siedelt die Volksgruppe der Fang. Sie stellt ungefähr ein Drittel der Landesbevölkerung. In diesem Gebiet lebt auch die Seké-Benda. Die Mpongwé von Libreville gehören der Gruppe Myené oder Omyené an, die mit der Fanggruppe im Süden des Ästuars und im Ogowedelta leben. Ogowé aufwärts ist das Gebiet des Myenéstammes und südlich bis in die Gegend der Lagune Fernan VAz siedelt die Bakélégruppe zusammen mit der Eshiragruppe. Diese Volksgruppen gehören angeblich dem gemeinsamen Urvolk der Badjag an.
Die ethnische Vielfalt führt jedoch zu keiner schwerwiegenden Gegensätzlichkeit. Historiker ordnen fast alle Volksgruppen der großen Sprachfamilie der Bantus zu, die im Laufe der Jahrhunderte nach und nach weite Gebiete Ost- und Zentralafrikas erobert haben. Alle Gruppen, außer der Pygmäen, die nur knapp 1 % der Bevölkerung Gabuns ausmachen, wären demnach einem einzigen, aber sehr weit verästelten Urstamm entsprungen und Teil der Aufsplitterung hätte sich bereits vor der Ansiedlung in Gabun vollzogen. Im Sippenleben dominiert bei den aus dem Norden stammenden die Vaterlinie und bei denen aus dem Süden die Mutterlinie.
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Gemeinhin ist man überzeugt von der ideologischen Unvereinbarkeit von monotheistischen Religionen. Islam und Christentum, und dem Animismus, der weiterhin Seele und Leben der gesamten Bevölkerung bestimmt und erfüllt. Die Animisten glauben an eine Art Höchstes Wesen als Schöpfer der Welt. Ihr Gottesbegriff ist viel abstrakter als der Gott in Menschengestalt der meisten Christen. Diese unaussprechliche und unvorstellbare Macht schwebt weit über der Menschenwelt. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer Mittlerinstanz zwischen ihr und dem Menschen. Diese Aufgabe übernehmen die Vorfahren, die ihre Nachkommen nie im Stich lassen, solange diese den Bräuchen treu bleiben. Die Mittlerrolle üben auch einige Gottheiten aus, welche die verschiedenen Aspekte der Höchsten Kraft darstellen. Sie sind zwar auch unsichtbar, aber zugänglicher, man kann ihre Gunst erwirken durch entsprechende Pakte mit konkurrierenden Gottheiten oder durch Gebete und Opfergaben. Je enger ein Volk mit dem Element Wald verbunden ist, umso mehr scheint er gefährlichen Kräften ausgesetzt zu sein, die es zu bannen oder sich zu versöhnen gilt. Je mehr die Gefahr zu ständiger Wachsamkeit mahnt, um so mehr entwickelt sich bei den betroffenen Völkern Zauberkünste und parapsychische Kräfte. Eingeweihte, den okkulten Sekten fällt diese Arbeit zu. Sie werden zu Sachwaltern von Wissen und macht. Frauen haben ihre gesonderten Sekten. Wie auch sonst in den Traditionen Afrikas überschneiden sich die Rollen der Geschlechter nicht, sondern ergänzen sich. Man unterscheidet dreierlei Geister. Abambos sind Gespenster. Es handelt sich hierbei um Menschen, die wegen ihres Lebenswandels dazu verdammt sind, auf die Erde zurückzukehren und ihre ehemaligen Behausungen heimzusuchen. Die zweite Art, die Imbwiris bevölkern die Elemente der Natur, Luft, Wasser und Erde. Ein jeder dieser zahllosen Geiser, welche die ungewöhnlichsten Plätze bewohnen, besitzt einen eigenen Charakter, Gewohnheiten und Aussehen, die unverwechselbar sind. Die dritte Art sind die Gnomen oder Zwerge, die Asikis. Sie finden sich nachts in den verlassenen Höfen der Dörfer ein. Es heißt, man stirbt eines baldigen Todes, wenn einem einer von ihnen über den Weg läuft. Überall leben alte und neue Riten in friedlicher Eintracht nebeneinander.
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